Zeitungsartikel 2020

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Der Raumenergie auf der Spur

Werke des verstorbenen Künstlers Georg Münchbach sind letztmals in seinem Haus zu sehen.

Wittenwater – Er hat Spuren hinterlassen, die in Uelzen sichtbar sind: den Schnellenmarkt-Brunnen, die Eva im Stadtgarten, den monumentalen Stadtgrundriss, der vor der Uelzener Versicherung steht. Im März 2018 ist Georg Münchbach gestorben. Der Ort seines Schaffens, der Resthof in Wittenwater, ist verkauft. Noch bis Ende des Monats haben Interessierte dort die Möglichkeit, über 1000 Werke des Malers und Bildhauers, der sich selbst als Philosoph mit bildnerischen Mitteln sah, im Zusammenhang und an ihrem Entstehungsort zu sehen.

Sohn Falk Münchbach belädt einen Autoanhänger. Im Garten glänzen die Schweißnähte der Stahlskulpturen in der Herbstsonne. Der Kunstpädagoge, der in Süddeutschland lebt, erinnert sich noch, wie sein Vater mit dem Dorfschmied Seite an Seite arbeitete. So kam der aus Freiburg stammende Künstler den Einheimischen näher.

Im Atelier im hinteren Bereich des alten Bauernhauses meint man, Münchbach habe gerade seinen Arbeitsplatz verlassen. Farbtuben finden sich, Fotos, die als Vorlagen dienten, Gemälde und merkwürdige Bronze-Objekte, deren bearbeitete Oberflächen sich im Inneren befinden wie Kristalle in einer Höhle. Sie führen mitten ins Denken des Künstlers.

Münchbach, Jahrgang 1933, hat sich intensiv mit der altgriechischen Philosophie beschäftigt und hierfür sogar die Sprache erlernt. Ihm ging es um die Ursprünge des menschlichen Den- kens und Seins. Bei Parmenides stieß er auf die Vorstellung, dass der Raum so etwas wie die Energie des Seins ist – eine Idee, die ihn nicht mehr losließ und die er in vielen Bildern und Skulpturen verarbeitete.

Immer wieder gestaltete Münchbach die Grundform eines Tals. Dabei ging es ihm nicht so sehr um die gezeigte Form, sondern das Unsichtbare zwischen den Hängen. „Die Energie des Raums fließt und durchdringt alles“, erläutert die Eimker Künstlerin Karoline Winter. Dabei habe sich Münchbach durch die moderne Physik bestätigt gesehen. „Die Atome werden von Energie gehalten“, so Karoline Winter. „Wir sind alle Energie und verbunden.“

Die Idee von der Raum- oder Lebensenergie ist auch der Schlüssel zu zwei zusammengehörigen Skulpturen. Orpheus und Eurydike, das tragische Liebespaar der antiken Mythologie, sind wie Hohlformen für einen Guss dargestellt. Ihr Äußeres zeichnet sich im Innern ab. Bekanntlich steigt Orpheus in dem Mythos in die Unterwelt hinab, um seine tote Geliebte zu holen. Als er sich umschaut, muss sie für immer zurück ins Schattenreich. Nur aus Umrissen wie die Schatten bestehen die beiden Skulpturen, die Münchbach selbst als sein Hauptwerk ansah.

In den Ausstellungsräumen des Künstlerhauses im ehemaligen Schweinestall und unterm Dachboden hängen viele großformatige Gemälde. Schon ab dem Alter von sieben Jahren betätigt sich Münchbach künstlerisch. Als junger Künstler malt Münchbach häufig abstrakt, später tauchen sehr reduzierte Landschaften auf, der Horizont häufig weit nach oben geschoben, Wald und Feld eher als Flächen angedeutet. Landschaft identifiziert der Künstler mit „Raum, Energie, Geborgenheit, Menschenferne und -nähe.“

Münchbach hätte gerne auch noch international Aufmerksamkeit gefunden. Aber Marketing war nicht die Sache des Künstlers. Zu einer Ausstellung im Lüneburger Fürstentum-Museum war ein Manifest zu lesen, in dem Münchbach einen stillen Protest gegen Bilderflut und Zeitgeist verkündete. „Diese Stille ist nicht das Temperament, sie ist selbst der Protest als Verweigerung“, stellte der Künstler klar. Sein Sohn muss nun den Nachlass sichten und auflösen. „Das ist ein Lebenswerk, das man hier sieht“, sagt Falk Münchbach. In einer Datenbank soll es weiterleben – ganz nach dem Ausspruch des Künstlers: „Was bleibt, ist die Kunst.“

Für eine Besichtigung ist eine Anmeldung erforderlich: www.georg-muenchbach.de.

  • VON GERHARD STERNITZKE
Werke des verstorbenen Künstlers Georg Münchbach sind letztmals in seinem Haus zu sehen. Er hat Spuren hinterlassen, die in Uelzen sichtbar sind.