Auszug Katalog 1997

Ein wesentliches Erleben der Raumerfahrung bringt das Erlebnis der Landschaft dieser Erde mit sich. Dabei war für mich noch ursprünglich Wald ein Wald der Diana, und der Mythos bestimmte ein verhältnismäßig heiles Bild, wenigstens eines Teiles dieser Welt. Die allmählich einsetzende Erfahrung einer geheimnislosen Überschaubarkeit von Landschaft, einer in Akten registrierten, trivialisierten und in die Diminution gezwungenen Welt ließ ein Landschaftsbild entstehen, das in Zeichnungen hoffnungslos vermessen und verplant oder in Kästen zum Kinderspielzeug oder zum Gebrauchsgegenstand geworden war.

Indem ich mein Problem des Raumes als Gleichnis im Stubenformat, in begreifbarer Handlichkeit präsentierte, gab ich dem Raum die Plastik und der Plastik den Raum zurück.

Bei den vielfältigen Erfahrungen mit Raum habe ich sehr bald eine für mich wichtige Entdeckung gemacht: Die Beobachtung der Landschaft ließ mich nämlich verstärkt die drängende und eindringende Eigenschaft der Energie des Raumes wahrnehmen. Das Land wurde zunehmend zum Ergebnis eines Prozesses von eindringendem Raum. Daher rührte ursprünglich meine Aufmerksamkeit und mein Interesse für das Motiv des Tales. Ich entdeckte den Innenraum. Es entstand nach und nach eine Art ganzheitlicher Innenraumtheorie.

Ich reduzierte das Phänomen Raum auf ein Phänomen Innenraum.

Raum wurde damit aufladbar, durchaus einer Masse oder einer Energie ähnlich. Dazu musste Raum durch stabile Gegengewichte eingefangen, komprimiert und „beschossen“ werden. Auf diese Weise wurde Raumenergie sichtbar, und die Ästhetik wurde von den vielschichtig auftretenden und funktionierenden Energien bestimmt. Es gab nun Raum nur noch als Innenraum. Jede Außenbegrenzung war daher der Ansatz für einen neuen Innenraum. Auf diese Weise wurde die Welt zu einer Aneinanderreihung von Innenräumen.

Dieses allmählich gewachsene Raumgefühl wurde für mich Grundlage für eine Konzeption, die es mir erlaubte, daran zu denken, die Probleme der Raumplastik wie sie in der Vergangenheit aufgeworfen worden waren, z.B. von Moholy-Nagy und Vantongerloo, weiterzuentwickeln.

Die traditionelle Plastik litt nämlich unter der erstaunlichen Tatsache, dass sie nicht, wie alle räumlichen Gebilde aus einem Außen und Innen bestand, sondern aus einer Außenhaut deren Innenraum verleugnet wurde.

In der neuen Sicht wurde Plastik zu einer Art höherer Architektur.

Plastik wurde zur Evokation von Raum. Plastik war nicht mehr nur raumabstoßender oder gliedernder Körper im Raum, sondern Plastik machte selbst den Raum aus: Raum war das Innere der Plastik. Die Höhle wurde zum Inbegriff, zur archetypischen „Form“ des Raumes. Und nur um eine solche archetypische, ursprüngliche Erfassung, um ein derartiges in den Griff bekommen des Phänomens konnte es gehen.

Es war ausgeschlossen, den plastischen Körper für eine dauerhafte Manifestation des Seins zu halten. Die Skepsis an der Erscheinung bedingte ursächlich die Entstehung der absoluten Raumplastik. Es war nur noch Raum, die Dinge hatten sich zurückgezogen in ihre Spur. Raum war geblieben. Die Höhle war sein romantisches Axiom.

Primär wurde das Sein gesucht. Unendlichkeit war eine unendliche Austauschbarkeit von Raum und Gegenstand. Dabei war es ohne Bedeutung, ob dieser Gegenstand dynamisch oder statisch sich gab. Bewegung war nur eine Form des Raumes.

Das Kolumbarium ging vorauf, als Aufreihung von Raumhöhlen, als archetypische Siedlung des Höhlenbewohners Mensch, als ontologisches Symbol. Plastik schaffte den bergenden Raum, Plastik als bergender Raum, Plastik als humanitärer Raum, Plastik als Evokation eines archaischen uralten Glückes. Die Plastik war das Saugrohr, das den Raum transfundierte.

Das Ziel war die Transformation des Gegenstandes zu einem Gebilde des Raumes. Diese Konzeption lief schließlich auf eine Manifestation des Raumes hinaus.

Grundlage hierfür war immer die Faszination, die von der Idee des absoluten Raumes ausging, einer Idee, die sich durch alle Jahrhunderte fortgesetzt hat. Für Henry More (1614 – 1687), den engl. Denker, ist, wie für Spinoza und Isaak Newton, der Raum mit Gott identisch. Er kennt die „göttliche Raumfülle“ (Divine amplitude), die er für eine „feine Substanz“ hält. Würde man die Materie aus dem Raume entfernen, es würde trotzdem der Raum existieren. Er ist eine „Substanz“, die unkörperlich ist und ewig besteht. Diese Attribute sind aber auch die des absolut vollkommenen Wesens. Daher ist für ihn der Raum eine Eigenschaft Gottes. Das Leere gibt es nicht. Das Vakuum ist die Ausdehnung und als solche Ausgefülltsein und das heißt Energie.

Was für ein ungeheurer Gedanke. Er scheint bei den Menschen noch gar nicht angekommen oder schon längst vergessen zu sein, aber lässt er uns die Schöpfung nicht ganz neu ertasten und ansehen?

Bei diesem Text handelt es sich um das Schlusswort zum Katalog von 1997. Es ist eine von Georg Münchbach selber geschriebene Zusammenfassung seiner Gedanken und seiner Konzeption.