Abstraktion sehen lernen
Scheinbar abstrakte Kunst – Landschaften des Seins
Parmenides, einer der frühen griechischen Denker, unterscheidet radikal zwischen dem Weg der Meinung (doxa) und dem Weg der Wahrheit (aletheia). Unsere Sinne zeigen uns eine Welt der Vielheit, der Veränderung und der Gegensätze – Tag und Nacht, Werden und Vergehen, Nähe und Ferne. Für Parmenides ist dies jedoch nur die Ebene des Scheins. Hinter allem Wandel steht ein einziges, ungeteiltes Sein: unbewegt, zeitlos, ohne Anfang und Ende. Wirklich ist nicht das Wechselnde, sondern das, was „ist“ – unverbrüchlich, im Hintergrund.
Genau hier setzt Georg Münchbachs Kunstauffassung an. Seine Bilder wirken auf den ersten Blick „abstrakt“: keine erzählende Szene, keine wiedererkennbare Landschaft, keine Figur im klassischen Sinne. Doch diese Abstraktion ist keine Abkehr von der Welt, sondern ein anderes Hinsehen. Münchbach malt nicht die Dinge, die uns täglich vor Augen stehen, sondern das Feld, in dem sie überhaupt erst erscheinen können: Raum, Schwingung, Energie, Atmosphäre. Es sind „Landschaften des Seins“, in denen die sichtbare Welt gleichsam entkernt ist – und das zurückbleibt, was trägt.
Kurt Hübner hat vom „Paradigmenwechsel des Sehens“ gesprochen: Sehen ist nicht nur ein neutrales Registrieren von Gegenständen, sondern immer schon von Vorstellungen, Deutungsmustern und Erwartungen geprägt. Wir sind gewohnt, Kunst vor allem als Wiedererkennen zu erleben: „Was ist da dargestellt?“ – „Woran erinnert mich das?“ Moderne und zeitgenössische Kunst fordern jedoch ein anderes Paradigma des Sehens: Wir sollen nicht mehr prüfen, ob das Bild der äußeren Realität gleicht, sondern erfahren, welche Seinsweise sich im Bild selbst zeigt.
Überträgt man diesen Gedanken auf Münchbachs Werk, wird verständlich, warum die Bilder „scheinbar“ abstrakt sind: Sie verweigern die vertraute Brücke der Gegenständlichkeit, um eine andere Art von Gegenwart zu öffnen. Der Blick wird von der Oberfläche der Dinge weggeführt hin zu Qualitäten wie Dichte und Leere, Stille und Schwingung, Licht und Verdunkelung. Die Bilder sind keine Fenster auf eine äußere Landschaft, sondern innere Resonanzräume. Sie verweisen weniger auf Objekte als auf Zustände – Zustände des Seins und des Bewusstseins.
In parmenideischer Perspektive ließe sich sagen: Diese Malerei verabschiedet sich von der Jagd nach dem wechselnden „Wie es gerade scheint“ und sucht nach dem, „was ist“, jenseits der schnellen Deutung. Die Farbflächen, Schichtungen und Durchdringungen schaffen Zonen der Sammlung, Konzentration und Kontemplation. Wer sich darauf einlässt, erlebt eine kleine „Reise“: weg von der gewohnten Meinung („Ich sehe nichts Konkretes“) hin zu einer stilleren Form von Gewissheit („Etwas wirkt auf mich – ohne Namen, aber eindeutig“).
Hübners Paradigmenwechsel des Sehens bedeutet hier: Wir lernen, Bilder nicht mehr als Abbilder zu lesen, sondern als Ereignisse. Das Kunstwerk ist kein Bericht von etwas, das anderswo stattfindet, sondern ein Ort, an dem sich etwas ereignet – in der Begegnung zwischen Bild und Betrachter. Münchbachs „Landschaften des Seins“ laden dazu ein, diesen Ort zu betreten. In der konzentrierten Betrachtung beginnt sich das Bild zu öffnen: Farbränder werden zu Horizonten, Verdichtungen zu topografischen Knoten, Durchbrüche zu Lichtfenstern. Die scheinbare Abstraktion kippt in eine sehr konkrete Erfahrung von Raum und Präsenz.
So fügt sich in dieser Ausstellung ein philosophischer Faden:
- Parmenides erinnert daran, dass hinter allem Wandel ein stilles, einheitliches Sein steht.
- Kurt Hübner zeigt, dass wir unser Sehen selbst wandeln müssen, um dieser Dimension näherzukommen.
- Georg Münchbach macht diese Einsicht sichtbar – nicht als Illustration von Philosophie, sondern als eigene, bildnerische Form von Denken.
„Scheinbar abstrakte Kunst – Landschaften des Seins“ ist daher weniger eine Beschreibung der Bilder als eine Einladung: die Bilder nicht nur anzusehen, sondern sich von ihnen ansehen zu lassen – bis sich im scheinbar Formlosen eine Landschaft auftut, die nicht draußen, sondern im Innersten liegt.




